Presseartikel vom 21.10.2013

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Rektor Gerd Meiborg weiß, dass Inklusion nur möglich ist, wenn sich die Schule den Schülern anpasst und nicht umgekehrt. Der 56-Jährige sitzt in seinem Büro und erzählt von seinen Vorstellungen von Inklusion und den bisherigen Erfahrungen. Wir haben das Gespräch protokolliert.

"Der Begriff Inklusion wird meiner Meinung nach unzulässig auf Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf verengt; in der öffentlichen Diskussion steht Inklusion hauptsächlich für Kinder mit körperlichen oder geistigen Behinderungen. Städte investieren Millionen in den Umbau von Schulen zu barrierefreien Gebäuden; dabei beträgt der Anteil der Kinder mit Förderbedarf im Bereich körperliche und motorische Entwicklung nur rund 6 Prozent. Aber was ist mit dem großen Anteil der Kinder mit Lernschwächen, was ist mit der ständig wachsenden Gruppe der Schüler mit sozial-emotionalen Auffälligkeiten? Was ist mit den Kindern aus Einwandererfamilien, die mit Sprachproblemen in die Schule kommen? Den Hochbegabten? Inklusion betrifft alle Kinder.
Sicherlich ist der Umbau von Schulgebäuden ein Schritt in die richtige Richtung aber das Kerngeschäft von Schule ist doch der Unterricht. Da gibt es noch sehr viel zu tun, denn Inklusion rüttelt an den Grundfesten von traditionellem Unterricht und Schule. Im traditionellen Unterricht richtet sich der Lehrer am Mittelmaß aus, lernstarke und -schwache Kinder müssen sich anpassen oder sie werden aussortiert. Dennoch zeigen internationale Vergleichsstudien, dass deutsche Schüler nur Mittelmaß sind, dass der Bildungserfolg abhängig von der sozialen Herkunft ist. Trotzdem wird an der gegliederten Schulstruktur festgehalten und Lehrer haben die Aufgabe, die Kinder und Jugendlichen einzusortieren. Wenn man in diesem Zusammenhang bedenkt, dass ‚Inklusion im Kopf entsteht‘, kann man nachvollziehen, wie schwer Lehrern diese Haltungsänderung, dieser Perspektivwechsel fallen muss: Jetzt wird von ihnen verlangt, Heterogenität im Unterricht nicht nur zu bewältigen, sondern darüber hinaus positiv zu nutzen.
In unserer Schule geben wir uns nicht der Illusion hin, dass wir Kinder mit ähnlichem Entwicklungsstand haben. Wir führen uns täglich vor Augen, wie heterogen die Lerngruppen sind. In unseren jahrgangsgemischten Lerngruppen ist der 1. bis 4. Jahrgang vertreten. Wenn sich Lernschwache zusammentun, haben sie niemanden, an dem sie sich nach oben orientieren können, sie machen kaum Fortschritte. Deswegen achten wir darauf, dass die Zusammensetzung passt. Wir haben Schüler, die bei der Matheolympiade Landessieger werden, Kinder, die lernschwach sind und solche mit sozial-emotionalem Rückstand. Kinder lernen an Vorbildern.
Wir prüfen zu Beginn nicht die Schulfähigkeit, stellen auch keinen sonderpädagogischen Förderbedarf amtlich fest, um eine „Etikettierung“ zu vermeiden. Wer einmal einen Stempel aufgedrückt bekommen hat, wird ihn nicht mehr los.
Wir sind eine gebundene Ganztagsschule, unsere Unterrichtstakte sind länger als 45 Minuten, um bspw. den unterschiedlichen Lerntempi  gerecht zu werden – der Tagesablaufplan kann von den Lerngruppen flexibel gehandhabt werden.
Sitzenbleiben gibt es nicht, da jedes Kind individuell voranschreitet. Wir haben auch keine Zifferzensuren, sondern stellen subjektive und objektive Textzeugnisse aus – zwei pro Halbjahr. In dem subjektiven für die ‚Hand des Kindes‘ sind die Bewertungen positiv. Wir schauen darauf, was das Kind schon erreicht hat und geben Tipps, wie es sich noch verbessern kann. Im objektiven Zeugnis bewerten wir das Arbeits- und Sozialverhalten, die Fächer und Fachbereiche als Information für die Eltern.
Wenn Kinder auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen gemeinsam lernen, muss sich der Unterricht verändern: Er muss auf jedes Kind eingehen. Dazu helfen uns beispielsweise die „Wochenpläne“, auf denen individuell zugeschnittene Übungen, Aufgaben und Arbeitsaufträge notiert sind. Im übrigen Unterricht kann man bei 24 SchülerInnen pro Lerngruppe diesem Ziel nur näher kommen, wenn man kooperative Lernformen einsetzt. Die Kinder bekommen z. B. eine Aufgabe, die sie lösen sollen. Sie beschäftigen sich eine Weile alleine damit, anschließend besprechen sie ihre Erkenntnisse mit einem Partner. Schließlich teilen sie ihre Ergebnisse mit der Gruppe. Sie müssen erklären, wie sie zu der Lösung gekommen sind und Zusammenhänge herstellen. Kinder kommunizieren untereinander über das Lernen.
Weiterhin lassen Unterrichtsthemen unterschiedliche Zugänge zu. Die Lehrer gestalten sie so, dass alle Kinder etwas zum Thema beitragen können. Vor den Ferien haben wir uns z. B. mit dem Thema Zeit befasst. Der Lehrer stellt den Kindern das Thema vor und eröffnet ihnen Möglichkeiten, wie man sich dem Thema nähern kann: Einige haben sich die Aufgabe ausgesucht, eine Sanduhr zu bauen, die genau zwei Minuten läuft. Andere haben eine Uhr mit Zeigern gebastelt, wiederum andere haben Zeit gemalt oder einen kleinen Vortrag gehalten, Gedichte über Zeit gelesen, eigene Rollenspiele zu Zeitgeschichten entwickelt. Auch das Diktat stammte aus diesem Themenbereich.
Natürlich läuft auch bei uns nicht alles perfekt. Aber wir sehen Inklusion als Ziel, auf das man zuarbeiten kann. Man muss ständig alte Muster hinterfragen, seine Praxis überdenken und neue Lösungen suchen. Man wird nie fertig. Das macht das Ganze so spannend.“

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